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Station 5: Soziale Errungenschaften

N 50° 49.371 E 012° 32.578 - Höhere Webschule, Schillerplatz 1

Mit dem enormen industriellen Aufschwung und der stark wachsenden Bevölkerung stieg der Bedarf an sozialen Einrichtungen. Doch das „Stadtsäckel" war oft zu klein.
Was tun? Die aufstrebenden Familienunternehmen engagierten sich frühzeitig im sozialen Bereich. Sie waren tief in der Stadt verwurzelt. Lotterien, breite Spendenaktionen und Stiftungen machten mit der Zeit Vieles möglich.

Es entstanden Krankenhaus (1842), Kleinkindbewahranstalt (1854, Kindergarten), Post- und Telegrafenamt (1893), das neue Waisenhaus (1898), der König-Albert-Stift für pflegebedürftige Bürger (1900, Station 2a), das Stadtbad (1901, Station 4a) zur Reinigung nach der schmutzigen Arbeit, das neue Krankenhaus (1914) u.v.m.

Zeitgleich stieg in der Gesellschaft der Wunsch nach Vergnügungen. 1875 legte man den Gründelpark an, baute 1887 die Jahnturnhalle für den Turnerbund, 1888 das Café Vaterland, 1922 das Stadttheater und 1925 die Kammerlichtspiele.

Auch das Schulwesen musste sich weiter entwickeln. Zu Beginn der Industrialisierung fand Unterricht in der kirchlichen Schule am Kirchplatz und in vielen angemieteten Räumen, verstreut über die ganze Stadt.

Die neuen Manufakturen und später die Fabriken benötigten aber immer mehr gut ausgebildete Arbeiter. Deshalb entstand 1858 die große „1. Bürgerschule" am Schulplatz, die ab 1859 auch über eine „höhere Abteilung" verfügte. Die erste Armenschule eröffnete 1868 (heute Lehngrundschule), und 1878 die 2. Bürgerschule (Wehrdigtschule) sowie das Realgymnasium (Lindenstraße). 1902 kam noch die Pestalozzischule und 1926 die Volksschule Niederlungwitz hinzu.

Um den Nachwuchs für die Weber zu fördern, wurde 1850 die „Vereinigte Webschule" gegründet - auf Initiative eines Glauchauer Kaufmanns und mit finanzieller Unterstützung aller Webwarengeschäfte. Die privat geführte Schule erhielt 1851 auf der Londoner Industrieausstellung eine Bronze-Medaille für besondere Leistungen.

1860 wurde die Schule für die Betreiber zu teuer. Deshalb übernahm die Stadt die Webschule und finanzierte sie gemeinsam mit Weberinnung und Industrie. 1871 erfolgte der Umzug in die Mühlgrabenstr. 5. Als „Höhere Webschule" zog sie 1898 erneut um, und zwar in das erste eigene Schulgebäude hier im Schillerpark. Die Textilindustrie bildete Lehrlinge, Gesellen, Meister und später Mustermacher theoretisch und praktisch aus.

Für die Tages- und Abendklassen gab es Räume für Handweberei und Webereivorbereitung sowie eine mechanische Weberei mit Web- und Jacquardmaschinen.

Das Schulgeld betrug 1911 für Tagesklassen jährlich 200 Mark und für Abendklassen 5 Mark. Die „Tagesklasse" konnten sich also nur gutsituierte Bürger leisten. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Jahreslohn war damals ca. 1100 Mark. Ein Brot kostete 50 Pfennig!
Sie sehen: Nicht erst zu Corona-Zeiten weiß man den Wert einer guten Schule zu schätzen.

Mädchen- und Jungenklassen wurden streng voneinander getrennt. 1906 besuchte der sächsische König Friedrich-August die Schule.

Nach und nach integrierte man weitere Fachausbildungen in die Schule:

  • 1898 die private „Bauschule" von Baumeister Hermann Caspar zur Ausbildung bautechnischer Berufe und zum Leiten eines Baubetriebes in Hoch-, Tief- und Eisenbetonbau
  • 1905 die einzige Verbandsfachschule der Deutschen Dachdeckerinnung
  • 1908 die Handelsschule mit der kaufmännischen Ausbildung und
  • 1909 die Handwerkerschule mit Klassen für Schmiede, Schneider, Schlosser und das Kunstgewerbe.

1919 erfolgte deshalb die Umbenennung in „Vereinigte technische Schulen und Handelsschule". Aus Platzgründen wurden 1954 die Bau- und Dachdeckerschule in die neue Ingenieurschule (heute BA) ausgegliedert. Die ehemalige Webschule blieb Betriebsberufsschule der Textilwerke Palla und ist heute Haus 2 des Beruflichen Schulzentrums „Dr. Friedrich Dittes".

Aufgabe

Stellen Sie sich vor die Vorderseite der Webschule. Links und rechts des Haupteingangs sehen Sie je eine große Plakette mit Inschrift.
X = Anzahl der Buchstaben des ersten Wortes links
Y = Anzahl der Buchstaben des ersten Wortes rechts

Der Weg führt weiter entlang der Leipziger Straße durch die Innenstadt zum Markt.

Die Entstehung der sozialen Errungenschaften im Überblick:

Soziale und technische Einrichtungen:

  • 1820 1. Postamt, Markt 9
  • 1842 1. Krankenhaus (Krankenhausstraße, heute Haus der Diakonie, Pestalozzistr./Ecke Dr. von Wolffersdorf-Str.)
  • 1856 1. Telegrafenamt im Buttermilchturm
  • 1854 1. Kleinkinderbewahranstalt (Kindergarten) gegenüber Kino in Otto-Schimmel-Straße
  • 1893 Reichspost- und Telegrafenamt Leipziger Str. 62 zur schnellen Nachrichtenübermittlung
  • 1898 neues Waisenhaus, Wettiner Straße (heute Ärztehaus)
  • 1900 Bürgerheim gegründet, August-Bebel-Str., als König-Albert-Stift für pflegebedürftige „würdige" (v.a. wohlhabende) Bürger über 60 Jahre
  • 1901 Stadtbad/Wannenbad zur Reinigung - die Arbeit in den Fabriken war schwer und staubig, zu Hause gab es, wenn überhaupt, nur einen Wasserhahn im Haus (Mühlgrabenstraße)
  • 1904 Bau des Bezirksgenesungsheimes „König-Georg-Stift" im Rümpfwald
  • 1911 Gründung erste Baugenossenschaft zum Wohnungsbau
  • 1914 Neubau Krankenhaus, Virchowstraße (heutiger Altbau am Teich)
  • 1925 Sommerbad als zweite städtische Badeanstalt
  • 1931 Fertigstellung der Flutrinne als Hochwasserschutz für Industrie und Bevölkerung

Einrichtungen zum Vergnügen:

  • 1875 Gründelpark auf Initiative des Verschönerungsvereins
  • 1887 Bau der Turnhalle des Turnerbundes, Turnerstraße (heute A.-Bebel-Str.)
  • 1888 Café Vaterland, Leipziger Straße
  • 1911 Bau des 1. Glauchauer Sportplatzes „Eichamt", Zimmerstraße
  • 1922 Stadttheater errichtet
  • 1925 Kammerlichtspiele Scherbergstraße 6, erstes von später drei Kinos (heute: Otto-Schimmel-Straße 4)

Schulen:

  • Erste Schule: Lateinschule (kirchliche Schule) am Kirchplatz 4, wurde später Bürger-, Armen- und Fabrikschule, weitere Räumlichkeiten im Hospital und in angemieteten Räumen
  • 1858 1. Bürgerschule am Schulplatz, die ab 1859 auch über eine „höhere Abteilung" verfügte
  • 1868 1. Armenschule (heute Lehngrundschule)
  • 1878 2. Bürgerschule (Wehrdigtschule)
  • 1878 Realgymnasium (Lindenstraße)
  • 1902 Pestalozzischule (heute Georgius-Agricola-Gymnasium)
  • 1926 Volksschule Niederlungwitz